
KAPITEL 3 – Drei Skizzen
In der zweiten Woche muss Lio nicht mehr auf Raumnummern oder Beschilderungen achten. Er geht durch den Haupteingang, läuft die Treppe hinauf, biegt nach dem Treppenhaus rechts ab und erkennt Raum 245A bereits an den Stimmen hinter der geschlossenen Tür.
Yuna sitzt mit zwei anderen Studierenden zusammen, die Lio noch nicht kennt. Er hat ihre Namen zwar aufgeschnappt, sich aber nicht gemerkt.
Hana betrachtet Fotos auf ihrer Kamera.
In der Mitte des Raumes sitzt Reki und unterhält sich mit einem Studierenden namens Taiga.
Mira sitzt an einem Arbeitsplatz in der Nähe des Fensters. Der Platz neben ihr ist frei. Als sie Lio sieht, zieht sie ihre Tasche vom Nachbarstuhl.
Lio läuft auf Mira zu.
„Morgen“, sagt Reki, als Lio an seinem Tisch vorbeiläuft.
Lio bleibt nicht stehen. „Morgen.“
„Du siehst aus, als hättest du kaum geschlafen.“
„Hatte noch keinen Kaffee.“
„Dann fehlt der dir wohl öfters.“
Lio setzt sich neben Mira, bevor ihm eine Antwort einfällt.
„Hast du deine Skizzen fertigbekommen?“, fragt Mira.
„Ja. Du?“
„Ebenfalls.“
Professor Hasegawa betritt den Raum und fordert die Studierenden nach einer kurzen Begrüßung dazu auf, ihre drei Skizzen vor sich auszulegen.
„Legen Sie die drei Skizzen in der Reihenfolge aus, in der Sie sie ausstellen würden. Nicht in der Reihenfolge, in der Sie sie gezeichnet haben.“
Lio zögert einen Moment und wechselt viermal die Reihenfolge. Am Ende entscheidet er sich für Ort, Gegenstand und Person.
Hasegawa beginnt währenddessen damit, sich die Skizzen der anderen anzusehen. Er kommentiert sie dabei, scheint aber nichts zu bewerten.
Miras Arbeiten liegen bereits aus. Sie hat ihre Reihenfolge offenbar sofort gefunden.
Lio sieht unauffällig hinüber. Sie hat als Ort einen Ausschnitt des Campus, als Objekt ihr Skizzenbuch und als Person Lio.
„Du hast sie fertig gemacht“, sagt Lio, nachdem er sich in der Skizze gesehen hat.
Mira sieht von ihren Blättern auf. „Natürlich.“
„Ich dachte, das im Café war nur eine Skizze.“
„Das sind alles Skizzen.“
„Ach, du weißt doch was ich meine.“
„Ja.“
Lio betrachtet die Zeichnung genauer. Einige Details sind hinzugekommen. Der etwas hochgezogene Ärmel am Shirt etwa und eine Haltung, die er nie bei sich selbst bemerkt hat.
Mira schaut sich ebenfalls Lios Zeichnungen an. Als Ort hat er den Fensterplatz aus dem Café gewählt. Das Objekt ist das neue Skizzenbuch, geschlossen, mit dem neuen Bleistift oben drauf. Ihr Blick bleibt bei der dritten Skizze länger hängen. Einen Moment sagt sie nichts.
„Die sind alle aus dem Café gestern.“
„Mhm.“
„Du solltest einen Ort, einen Gegenstand und eine Person zeichnen.“
„Habe ich doch.“
„Du hast dreimal denselben Moment gezeichnet.“
„Die Motive waren halt da.“
„Und woanders waren keine?“
Lio zieht die Skizzen auf dem Tisch gerade, obwohl sie bereits gerade liegen.
„Es war praktisch“, antwortet er.
„Bestimmt“, sagt Mira.
Hasegawa ist nun am Arbeitsplatz von Lio und Mira angekommen. Er sieht sich Miras Skizzen zuerst an.
„Den Campus haben Sie dokumentiert“, sagt er. „Bei der Person hingegen haben Sie beobachtet. Überlegen Sie, warum Sie bei einem Motiv Abstand halten und beim anderen nicht.“
Mira notiert sich den Satz sofort, während Hasegawa einen Schritt weiter geht und nun vor Lios Skizzen steht.
„War das beabsichtigt?“
„Was?“, fragt Lio.
„Dass Ihre drei Skizzen wie eine Serie wirken.“
Lio schaut auf seine Skizzen. „Nein, ich habe sie lediglich am selben Ort gefunden“, sagt er mit leiser werdender Stimme.
„Sie sollten versuchen herauszufinden, warum Sie trotzdem diese drei Motive ausgewählt haben.“
Hasegawa wartet keine Antwort ab und geht bereits zum nächsten Tisch. Lio notiert sich nichts.
Stattdessen betrachtet er seine Skizzen. Einen Ort, einen Gegenstand und eine Person. Mira hatte recht. Es ist dreimal derselbe Augenblick.
Schräg versetzt in der Raummitte nimmt Taiga die Hände von seinen Blättern, als Hasegawa vor ihm stehen bleibt.
Lio erkennt nicht alle Details, aber Taigas Linien wirken ruhiger als die von Mira. Fast so ruhig wie seine eigenen. Auf der ersten Zeichnung erkennt man die Treppe vor dem Haupteingang des Campus führt, auf der zweiten eine eingedrückte Coladose. Die dritte zeigt Reki, wie er zurückgelehnt auf einem Stuhl sitzt und den Kopf leicht zur Seite dreht.
„Sie arbeiten schnell“, sagt Hasegawa.
„Ist das gut?“
„Zunächst ist es nur schnell.“
Taiga grinst. „Verstanden.“
Hasegawa deutet auf die Skizze, die Reki zeigt. „Hier haben Sie genauer beobachtet.“
Lio erkennt selbst aus der Entfernung die kleine Falte an Rekis linker Wange. Sie ist nur dann sichtbar, wenn er nicht bloß aus Höflichkeit lächelt.
Taiga kennt ihn kaum zwei Wochen.
Lio hebt seinen Bleistift vom Tisch und drückt die Finger fest um ihn.
Hasegawa geht einen Schritt weiter und wendet sich Rekis Skizzen zu. Ein Bahnsteig, eine wartende Person und ein Paar Kopfhörer liegen vor ihm. Das Kabel der Kopfhörer ist lose um einen der Ohrhörer gewickelt. Am Bügel ist an einer schmalen Stelle die dunkle Beschichtung abgerieben.
Lio erkennt diese Stelle wieder.
„Beim Gegenstand wirken die Linien deutlich ruhiger“, sagt Hasegawa. „Beinahe vorsichtig.“
„Die Kopfhörer habe ich schon lange“, antwortet Reki.
„Das sieht man.“
Reki blickt für einen Moment zu Lio.
Lio senkt seinen Blick wieder auf seine eigenen Skizzen.
Hasegawa geht weiter durch die Reihen und betrachtet die Arbeiten der anderen. Lio hört nur noch halb zu, weil seine Gedanken immer wieder zu Rekis Kopfhörerskizze zurückkehren.
Er zieht die Linien auf seinen Skizzen mit dem Finger nach, während Miras Blick dem Finger folgt.
Kurze Zeit später wird es still. Hasegawa steht wieder vorne.
„Ich habe nun einen Eindruck von Ihren Stilen“, sagt er, während er einen Schritt weiter in den Raum setzt.
„Einzelne Beobachtungen stehen selten für sich. Wir sehen Ausschnitte und stellen im Kopf automatisch Verbindungen zwischen ihnen her. Aus drei einzelnen Fragmenten kann deshalb etwas entstehen, das am Ende vollständiger wirkt als eine ausgearbeitete Darstellung.“
Mira kommt mit dem Mitschreiben kaum hinterher. Lio denkt derweil an die Verbindungen bei Rekis Skizzen.
Hasegawa dreht sich um und geht zur Tafel. Er nimmt sich ein Stück Kreide und schreibt in großen Buchstaben:
FRAGMENTE
„Für Ihre erste Projektarbeit geht es genau um diese Fragmente, die Sie heute möglicherweise unbewusst präsentiert haben.“
Lio hört nun wieder genauer hin.
„Wählen Sie einen Ort auf dem Campus oder in seiner unmittelbaren Umgebung. Jede Person sammelt dort drei visuelle Fragmente.“
Mira hebt die Hand.
„Ja, bitte?“, sagt Hasegawa.
„Was sollen die Fragmente zeigen?“
Hasegawa nickt leicht.
„Spuren oder Beobachtungen, die etwas über den Ort erzählen, ohne ihn dabei vollständig abzubilden.“
Mira schreibt Wort für Wort auf.
„Sie können sich über diese Aussage zusammen Gedanken machen. Sie arbeiten nämlich in Zweiergruppen.“
Lio schaut auf.
„Aus diesen sechs Fragmenten entwickeln Sie anschließend eine analoge Komposition im Format A3. Mindestens ein Fragment jeder Person muss im Ergebnis sichtbar sein. Die Präsentation Ihrer Arbeiten findet beim nächsten Kurstermin statt.“
Hasegawa dreht sich wieder zur Tafel und schreibt einige konkrete Vorgaben an die Tafel. Lio schreibt nun ebenfalls mit.
„Sie müssen sich nicht auf einen gemeinsamen Zeichenstil einigen. Es ist für mich nicht von Interesse, ob Ihre Stile zusammenpassen. Entscheidend ist, dass Ihre Wahrnehmungen im Endergebnis sichtbar bleiben.“
So langsam entsteht Unruhe im Raum. Hana fragt Yuna leise, ob sie eine Gruppe bilden. Reki schaut in Lios Richtung und richtet sich etwas auf.
„Ihre Gruppen müssen Sie heute nicht lange suchen“, sagt Hasegawa, was zur Folge hat, dass alle in seine Richtung schauen und der Raum wieder verstummt.
„Sie arbeiten mit der Person zusammen, die neben Ihnen sitzt.“
Lio dreht den Kopf etwas zu Mira.
„Na, dann haben wir immerhin schon drei Fragmente“, sagt Mira mit einem leichten Lachen in der Stimme.
Danach sieht Lio unbewusst zu Reki und Taiga an den Tisch. Sie sind schon in der Planung vertieft.
„Du zeichnest und ich zerdrücke die Dose“, sagt Taiga.
Reki schaut für einen Moment zu Lio und Mira herüber, danach blickt er wieder zu Taiga.
„Hören Sie mir noch einen Moment zu“, ruft Hasegawa.
„Nutzen Sie die restliche Kurszeit, um ihre bisherigen Skizzen zu vergleichen und einen möglichen Ort festzulegen.“
Hasegawa blickt in die stille Menge.
„Sie können beginnen.“
Sofort geht ein neues Tuscheln durch den Raum. Einige sind mit der Gruppenwahl unzufrieden, andere starten direkt mit dem Brainstorming.
„Wie wäre es mit dem Campus als Ort?“, fragt Mira.
„Der Campus ist doch kein Ort“, sagt Lio.
„Natürlich ist er das. Außerdem hat Hasegawa ihn doch auch genannt.“
„Er besteht aus mindestens zwanzig Orten.“
Mira schaut auf ihre Skizzen. „Du hast recht. Na, dann müssen wir uns wohl einen davon aussuchen.“
„Lass uns erstmal alles aufschreiben, was uns einfällt“, schlägt Lio vor.
„Okay.“
Eine Liste aus verschiedenen Orten innerhalb des Campus entsteht. Darunter die Treppe, die zu ihrem Raum führt, der Kaffeeautomat, die Bücherei, der Bahnhof am Campus.
Der Kurs neigt sich langsam seinem Ende zu.
„Wie wäre es, wenn wir gleich einfach über den Campus laufen?“, sagt Mira.
„Mhm. Gute Idee“, antwortet Lio.
Mira packt ihre Sachen zusammen und geht zu Hasegawa. „Bin gleich wieder da. Ich will Hasegawa fragen, ob der Bahnhof noch als unmittelbare Nähe zählt.“
Lio nimmt seine Skizzen, wird beim Einsortieren aber unterbrochen.
„Habt ihr schon einen Ort ausgewählt?“, fragt Reki, der plötzlich vor seinem Tisch steht.
Lio lässt die Skizzen sinken. „Noch nicht.“
„Wir nehmen wahrscheinlich den Bahnsteig.“
„Passt.“
„Du könntest auch einfach sagen, dass du die Idee gut findest.“
„Könnte ich.“
Reki lässt den Kopf etwas senken und drückt mit den Fingerspitzen gegen die Tischkante. Seine Fingerkuppen werden heller.
„Hast du nach dem Kurs noch etwas Zeit?“
Lio schaut auf Rekis Finger, statt ihm direkt zu antworten. Nach einem kurzen Moment öffnet er den Mund.
„Wir können los. Sollen wir zuerst in den Innenhof gehen?“, fragt Mira.
Reki nimmt die Hände von der Tischplatte. „Wir werden dann auch mal. Viel Erfolg euch.“
„Danke“, sagt Mira.
Lio und Mira verlassen zusammen den Raum. Auf dem Weg in den Flur sieht Lio noch einmal zurück. Reki steht mit Taiga vor ihrem Tisch. Die Kopfhörerskizze liegt noch auf dem Schreibtisch.
Im Flur öffnet Mira ihr Notizbuch. „Also“, sagt sie. „Wonach suchen wir?“
Die Frage lässt Lio an die abgeriebene Stelle am Bügel und an die kleine Falte auf Taigas Skizze denken.
„Nach etwas, das fehlt“, sagt er.




