
EINORDNUNG
Nach Kapitel 2 · Mittelschule · Lio & Reki · Vergangenheit
Geteilte Kopfhörer
Durch ein offenes Fenster dringt milde Frühlingsluft in den Raum. Der Unterricht an der Setagaya Municipal Tamagawa Junior High School ist längst vorbei, doch Lio und einige seiner Mitschüler sind für den Reinigungsdienst eingeteilt. Seine Gruppe übernimmt den Musikraum.
Nach einigen Minuten sind alle fertig. Ein Mitschüler steht mit zwei Müllsäcken in der Hand vor der Tür.
„Können wir?“
„Ja.“
Lio aber schaut auf die Gitarre in der hinteren Ecke des Raums.
„Ich stelle noch eben die Stühle zurecht“, sagt er.
„Sei nicht zu genau, Lio. Bis morgen dann.“
Die anderen verlassen den Raum und Lio geht in die Ecke zur Gitarre und setzt sich auf einen Stuhl daneben. Er greift sie und beginnt eine kurze Akkordfolge zu spielen.
Den ersten Akkord.
Den zweiten Akkord.
Dann beginnt er wieder von vorn.
Der dritte Akkord fehlt. Nicht, weil Lio nicht dazu in der Lage wäre, weiterzuspielen. Er weiß nur noch nicht, wie die Folge weitergehen soll. Jede Variante klingt unterschiedlich falsch.
„Das war zweimal dasselbe.“
Lio hält die Saiten der Gitarre fest, der Ton verstummt.
Reki steht in der geöffneten Tür des Musikraums. Lio hat ihn nicht kommen gehört.
„Ich weiß“.
„Kommt noch was?“
„Noch nicht.“
Reki kommt in den Raum und setzt sich auf einen Stuhl in der Nähe von Lio. Um seinen Hals trägt er weiße kabelgebundene Kopfhörer.
„Mir geht seit Tagen schon eine Melodie aus einem Anime nicht aus dem Kopf“, erklärt Reki.
„Hier.“
Reki zieht den Stecker der Kopfhörer aus seinem Handy und spielt Lio etwas über die Lautsprecher vor.
„Kennst du das Lied?“
„Nein.“
„Schade“, antwortet Reki leicht ernüchtert.
„Ich könnte versuchen, es nachzuspielen.“
„Wirklich?“
„Muss es nochmal hören.“
„Warte.“
Reki steckt die Kopfhörer wieder ein und hält Lio eine der Seiten hin.
„Hör es so.“
„Damit?“, entgegnet Lio.
„Ich hab nur die.“
Lio stellt die Gitarre zwischen seinen Knien ab. Er greift nach dem Kopfhörer und steckt ihn sich in sein Ohr, während Reki die andere Seite einsteckt.
Das Kabel ist kurz, also rückt Reki etwas näher an Lio heran.
Reki startet die Musik und schließt dabei die Augen. Lio bemerkt, dass er seinen Fuß im Takt bewegt. Durch das andere freie Ohr nimmt er die Geräusche aus dem Flur wahr. Er versucht sich auf das Gitarrensolo zu konzentrieren, damit er nicht darüber nachdenken muss, wie nah Reki sitzt.
Nach dem Refrain stoppt Reki die Musik. „Und?“
„Was und?“
„Kannst du das spielen?“
„Nicht, nachdem ich es erst zum zweiten Mal zur Hälfte gehört habe.“
„Also nochmal?“
Reki startet die Musik erneut, ohne auf eine Antwort von Lio zu warten.
Nach dem dritten Hören nimmt Lio die Gitarre wieder in die Hände. Er versucht dabei nicht, das Lied exakt nachzuspielen. Stattdessen sucht er nach Akkorden, die ähnlich klingen und zur Stimmung passen.
Der erste Akkord sitzt schnell. Beim zweiten muss er einmal korrigieren. Danach bleibt er wieder hängen.
„Das ist es“, sagt Reki.
„Nicht ganz.“
„Aber es ist sehr nah dran.“
„Nah dran ist nicht dasselbe.“
„Trotzdem hört es sich gut an.“
Im Flur sind näherkommende Schritte zu hören. Wenig später steht der Hausmeister an der Tür zum Musikraum. „Geht nach Hause, Jungs. Ich schließe ab.“
Reki nimmt die Kopfhörer wieder an sich. „Morgen zeige ich dir ein besseres.“
„Das eben war also nicht gut?“
„Doch, schon. Das nächste ist nur besser.“
Lio erwidert nichts darauf. Er bringt die Gitarre zurück in den Ständer, stellt den Stuhl wieder gerade und beide verlassen den Musikraum.
Am nächsten Tag sitzt Lio während der Mittagspause auf der Fensterbank neben seinem Platz und zeichnet in seinem Skizzenbuch.
Reki kommt wenig später ebenfalls in das Klassenzimmer, unterhält sich aber zunächst mit anderen. Lio nimmt ihn nur durch die Stimme wahr, versucht aber sich weiter auf seine Skizze zu konzentrieren.
Wenig später bleibt Reki neben Lios Tisch stehen und zieht sich den leeren Stuhl heran. Er hält Lio wortlos eine Seite der Kopfhörer hin.
Lio legt sein Skizzenbuch auf den Tisch und nimmt den Kopfhörer entgegen. „Das bessere Lied?“
„Wie versprochen.“
Das Lied läuft etwa zwei Minuten.
„Welche Stelle war am besten?“, fragt Reki anschließend.
„Der Anfang.“
„Da passiert doch fast nichts.“
„Genau deswegen.“
Reki sieht ihn kurz an, dann lässt er das Lied nochmal von vorn beginnen.
Am nächsten Tag hören sie ein anderes. Am Tag danach wieder eins.
Manchmal zieht Reki sich einen leeren Stuhl an Lios Tisch, ein anderes Mal sitzen sie zusammen auf der Fensterbank. Meist braucht es weder Fragen noch Erklärungen. Lio schiebt lediglich sein Skizzenbuch weg und rückt etwas zur Seite, um Platz für Reki zu machen, wenn er ihn sieht.
Irgendwann muss Reki nicht einmal mehr warten, bis Lio Platz macht.
An einem Tag laufen sie nach dem Unterricht ein Stück in dieselbe Richtung. Reki möchte Lio wieder ein neues Lied zeigen und gibt ihm wieder einen seiner Kopfhörer.
Das Kabel ist nicht länger geworden, sie geraten durch die Bewegung schnell auseinander.
„Du ziehst“, sagt Lio.
„Du bist zu langsam.“
„Dann hör allein.“
„Dann lauf halt schneller.“
Reki wird trotz der gegenteiligen Aussage langsamer. Lio merkt es, kommentiert es aber nicht.
Von da an passen sich ihre Schritte unbewusst einander an.
Am Tag darauf steht Reki wieder an der Tür zum Musikraum. Lio spielt die Akkorde inzwischen sauberer, hört aber noch immer nach dem zweiten auf.
„Immer noch nur zwei?“
„Mhm.“
„Warum eigentlich?“
Lio drückt seine Hand auf die Saiten. „Der dritte passt nie so wie ich möchte.“
„Dann lass ihn weg.“
„Ohne ihn wird es aber nie fertig.“
Reki zuckt mit den Schultern. „Dann ist es eben unfertig.“
Reki meint die Aussage eher praktisch. Für Lio bleibt sie dennoch hängen.
Er spielt die Folge noch einmal, lässt den letzten Ton ausklingen.
Zum ersten Mal hört er nicht nur auf das, was danach noch fehlt.
Am nächsten Tag, in der Mittagspause, schiebt Lio das Skizzenbuch bereits zur Seite und rückt ein Stück auf der Fensterbank zur Seite und wartet darauf, dass Reki sich neben ihn setzt.
Erst nach einigen Minuten fällt ihm auf, dass Reki gar nicht im Klassenzimmer ist.
Lio sagt sich, dass Reki bestimmt mit anderen unterwegs ist. Schließlich haben sie nie vereinbart, sich jeden Tag hier zu treffen.
Trotzdem lenkt ihn jedes Geräusch an der Tür ab.
Nach dem Unterricht geht Lio in den Musikraum und spielt wieder die beiden Akkorde.
Ohne Rekis Musik vorher klingen sie für ihn aber irgendwie anders. Leerer, obwohl sich an den Tönen nichts verändert hat.
Am folgenden Tag kommt Reki wieder und setzt sich wieder ganz normal zu Lio.
„Wo warst du gestern?“
„Bei Nakamura-sensei. Warum fragst du?“
„Nur so.“
„Hast du mich vermisst?“
„Nein.“
Reki grinst. „Okay.“
Er nimmt die Kopfhörer aus seiner Tasche und hält Lio wie gewohnt eine Seite hin.
„Das Lied von vorgestern?“, fragt Lio.
„Ja.“
„Du erinnerst dich?“
„An das Lied.“
Einige Tage später sitzen beide wieder zusammen im Musikraum. Reki hört das Anime-Opening, während Lio die Gitarre hält.
Lio spielt die Akkorde genau in dem Moment, in dem Reki die Musik aussetzt.
„Jetzt klingen sie anders.“
„Besser?“
„Mehr nach dir.“
„Du weißt doch gar nicht, wie ich mich anhöre.“
„Inzwischen schon.“
Lio versucht einen dritten Akkord, bricht jedoch mittendrin ab.
Reki fragt nicht nach und startet die Musik wieder.
Einige Tage später sitzt Lio während der Mittagspause wieder auf der Fensterbank. Neben ihm bleibt gerade genug Platz für Reki. Sein Rucksack steht diesmal unter dem Tisch.
Reki kommt herein, setzt sich neben Lio und sucht auf seinem Handy nach einem Lied. Dann hält er ihm einen der Kopfhörer hin.
Lio nimmt ihn entgegen und rückt näher, noch bevor Reki die Musik startet.
Das Kabel hängt locker zwischen ihnen.
Nach dem zweiten Lied stoppt Reki die Musik. Er hält sein Handy aber noch in der Hand.
„Musst du nach der Schule direkt nach Hause?“
Lio sieht ihn an. „Nein. Warum?“
„Ich wollte was essen gehen.“
„Okay.“
Reki wartet einen Moment und sieht Lio fragend an. „Das war eigentlich eine Frage.“
„Was?“
„Ob du mitkommst.“
Lio blickt aus dem Fenster. Auf dem Schulhof sitzen einige Schüler auf niedrigen Mauern und essen ihr Mittagessen.
Bisher sind sie nach dem Unterricht nur gemeinsam gegangen, wenn ihre Wege zufällig in dieselbe Richtung geführt haben.
„Wohin?“, fragt Lio schließlich.
Reki lächelt. „Können wir uns noch überlegen.“
Als die Pause endet, nimmt Lio den Kopfhörer aus dem Ohr und gibt ihn Reki zurück. „Warte nachher am Tor auf mich“, sagt er.




