Geteilte Kopfhörer

Lio ist vierzehn, als Reki ihm zum ersten Mal einen Kopfhörer hinhält.

Es passiert nicht wie etwas Besonderes, eher beiläufig.

Sie sitzen am Fenster im Flur der Mittelschule, dort, wo die Sonne am Mittag schräg durch das Glas fällt und den Boden in helle Rechtecke teilt. Der Unterricht ist seit fast fünfzehn Minuten vorbei, aber draußen regnet es. Nicht stark genug, dass man sagen könnte, man sei wirklich aufgehalten worden. Nur genug, damit niemand Lust hat, sofort zu gehen.

Lio sitzt mit dem Rücken an der Wand, die Knie angewinkelt, den Rucksack neben sich. Er liest einen Manga und bleibt an der Zeichnung im letzten Drittel des Bandes hängen. Reki sitzt neben ihm, nicht nah, aber auch nicht weit genug, dass man sagen könnte, sie würden zufällig denselben Ort benutzen.

Er scrollt durch sein Handy.

„Kennst du das?“, fragt er.

Lio hebt den Blick. „Was?“

Reki hält ihm einen Kopfhörer hin. Weißes Kabel, an einigen Stellen gräulich, ein bisschen verknotet und an einer Stelle mit Klebeband umwickelt.

„Das Lied.“

Lio schaut auf den Kopfhörer, dann zu Reki.

„Ich kann es nicht kennen, wenn du es noch nicht abgespielt hast.“

Reki grinst kurz. „Stimmt.“

Er wartet trotzdem weiter mit ausgestreckter Hand.

Lio nimmt den Kopfhörer.

Es ist keine Entscheidung, die sich groß anfühlt. Seine Finger berühren kurz Rekis Hand, weil das Kabel sich verhakt hat. Reki sagt nichts dazu. Lio auch nicht.

Er setzt den Kopfhörer ins rechte Ohr.

Reki setzt den anderen in sein linkes.

Für einen Moment ist nur das Rauschen zu hören, das entsteht, bevor ein Lied beginnt.

Dann setzt die Musik ein.

Eine Gitarre zuerst. Leicht verzerrt. Dann Schlagzeug, gefolgt von einer Stimme, die ein bisschen zu hell klingt für die Worte, die sie singt. Lio versteht nicht alles sofort, aber er versteht genug, um den Blick von seinem Manga zu lösen.

Draußen laufen einige Regentropfen die Scheibe hinab.

Reki lehnt den Kopf gegen die Wand. „Das Intro ist gut, oder?“

Lio nickt.

„Du nickst immer so, als würdest du eigentlich viel mehr sagen wollen.“

Lio sieht ihn von der Seite an. „Tue ich nicht.“

„Doch.“

„Nein.“

Reki lacht leise. Nicht auslachend. Eher so, als hätte er genau diese Antwort erwartet.

Sie hören weiter.

Das Kabel hängt zwischen ihnen durch. Eine dünne weiße Linie von Rekis Handy zu ihren Ohren. Wenn einer von ihnen sich zu weit bewegt, würde der Kopfhörer beim anderen herausrutschen.

Lio merkt das erst, als Reki sich vorbeugt, um seine Schuhe fester zu binden, und der Kopfhörer in Lios Ohr kurz zieht.

„Sorry“, sagt Reki.

„Nicht schlimm.“

Reki setzt sich wieder zurück, diesmal ein Stück näher. Nicht viel, aber so weit, dass das Kabel zwischen ihnen lockerer hängt.

Lio schaut auf das Kabel, dann wieder aus dem Fenster.

Er sagt nichts.


Sie machen es danach öfter.

Nicht jeden Tag. Nicht so regelmäßig, dass man es eine Gewohnheit nennen müsste. Aber oft genug, dass Lio irgendwann nicht mehr überrascht ist, wenn Reki sich neben ihn fallen lässt, sein Handy aus der Hosentasche zieht und ihm einen Kopfhörer wortlos hinhält.

Manchmal ist es ein Lied aus einem Anime-Intro. Manchmal etwas, das Rekis älterer Cousin ihm gezeigt hat. Manchmal ein Song, bei dem Reki behauptet, dass er „total unterschätzt“ sei, obwohl Lio später herausfindet, dass das dazugehörige Musikvideo Millionen Aufrufe hat.

Lio hört trotzdem zu und sagt selten etwas dazu.

Reki stört das nicht oder er tut zumindest so, als würde es ihn nicht stören.

„Du musst nicht immer nur nicken“, sagt er einmal.

„Was soll ich sonst machen, dich ignorieren?“

„Sagen, ob du es gut findest.“

„Ich finde es gut.“

„Alles?“

Lio schaut auf das Handy in Rekis Hand. „Nicht alles.“

Reki dreht den Kopf zu ihm. „Was nicht?“

Lio überlegt einen Moment.

„Der Refrain.“

„Was ist mit dem Refrain?“

„Zu einfach.“

Reki schaut ihn an, als hätte Lio gerade etwas Beleidigendes über ein Familienmitglied gesagt.

„Zu einfach?“

„Ja.“

„Das ist der Sinn von einem Refrain.“

„Nicht immer.“

Reki zieht den Kopfhörer aus seinem Ohr und zeigt damit auf Lio, als wäre es ein Beweisstück. „Du bist echt anstrengend, weißt du das?“

Lio schaut ihn an, dann den Kopfhörer in seiner Hand. „Du hast doch gefragt.“

Reki hält den Blick einen Moment, bevor er anfangen muss zu lachen.

Lio merkt, dass er ebenfalls fast lächelt und senkt den Blick, bevor es auffällt.

Es fällt Reki wahrscheinlich trotzdem auf.


Einmal hören sie ein Lied, das Lio nicht kennt.

Sie sitzen wieder am Fenster, diesmal im Klassenzimmer. Die meisten sind schon gegangen. Die Stühle stehen schief, auf der Tafel ist noch ein Rest Kreide, den niemand richtig weggewischt hat. Draußen ist es hell, aber der Himmel hat diese dünne Farbe, die nach Regen aussieht, auch wenn noch keiner fällt.

Reki legt das Handy zwischen sie auf die Fensterbank. „Das musst du hören“, sagt er.

„Muss ich?“

„Ja.“

Lio nimmt den Kopfhörer, ohne weiter zu fragen.

Das Lied beginnt langsamer als die anderen. Nur Gitarre. Kein Schlagzeug. Keine schnelle Stimme. Die Melodie wiederholt sich, verändert sich kaum und trotzdem hat Lio nach wenigen Sekunden das Gefühl, dass etwas fehlt.

Nicht negativ gemeint, eher so, als würde die Musik auf etwas warten.

Er schaut auf das Handy. Der Titel ist auf Englisch. Er weiß nicht, ob er ihn richtig versteht.

Reki sagt nichts, was ungewöhnlich ist.

Normalerweise kommentiert er Songs. Er sagt, welche Stelle gleich kommt, welcher Part der beste ist, wann Lio besonders zuhören soll. Diesmal lehnt er nur am Fensterrahmen und sieht nach draußen. Lio hört weiter.

Nach der ersten Minute kommt eine zweite Gitarre hinzu. Leiser als die erste. Sie spielt nicht dieselbe Melodie, sondern etwas daneben. Nicht falsch. Nur so, dass zwischen den beiden Spuren etwas Platz bleibt.

Lio spürt es in den Fingern. Er denkt an seine eigene Gitarre zu Hause. An die Saiten, die manchmal kalt sind, wenn er sie nach dem Duschen anfasst. An Akkorde, die er beginnt und dann nicht weiterführt, weil der nächste irgendwie nicht passt.

„Die zweite Gitarre ist gut“, sagt er schließlich.

Reki dreht den Kopf zu ihm.

„Ja?“

Lio nickt. „Sie macht nicht viel.“

„Aber?“

„Sie hält es zusammen.“

Reki lächelt nicht sofort. Er schaut erst wieder aus dem Fenster, dann auf das Handy.

„Ich dachte, dass es dir gefällt.“

„Warum?“

Reki zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Es klang irgendwie nach dir.“

Lio weiß nicht, wie er darauf antworten soll. Das Lied läuft weiter.


Ein paar Tage später schreibt Lio zwei Akkorde. Er sagt niemandem, dass sie für Reki sind. Nicht einmal sich selbst so richtig.

Er sitzt zu Hause auf dem Boden, die Gitarre auf dem Schoß, das Fenster geöffnet, obwohl es draußen frisch ist. Aus der Küche hört er seine Mutter telefonieren. Irgendwo im Haus wird eine Tür geschlossen. Dann ist es wieder ruhig.

Er spielt den ersten Akkord, dann den zweiten.

Der zweite ist besser. Nicht schöner. Irgendwie ehrlicher.

Er versucht einen dritten zu finden. Einen, der nicht zu eindeutig klingt. Nicht zu fröhlich, aber auch nicht zu traurig. Einen, der etwas offen lässt, aber nicht leer klingt.

Er findet keinen.

Nach einer Weile legt er die Finger zwischen die Saiten, damit sie nicht mehr schwingen.

Zwei Akkorde reichen nicht, denkt er.

Dann spielt er sie noch einmal.


Der Sommer danach kommt zu schnell.

Nicht plötzlich. Eher schleichend, wie Hitze, die erst auffällt, wenn sie schon überall ist.

Die Fenster im Musikraum stehen offen, aber die Luft bewegt sich trotzdem kaum. Irgendwo draußen summt eine Zikade gegen die Betonwand des Schulhofs. Jemand spielt im Raum gegenüber Tonleitern auf dem Klavier und bleibt jedes Mal an derselben Stelle hängen.

Lio sitzt auf einem der hinteren Tische und dreht sein Plektrum zwischen den Fingern.

Reki liegt auf zwei halb zusammengeschobenen Stühlen und sieht zur Decke.

„Du spielst in letzter Zeit öfter Gitarre“, sagt er.

Lio schaut nicht auf. „Tu ich das?“

Reki legt seinen Arm über die Augen. „Mhm.“

„Woher weißt du das?“

„Sieht man an deinen Fingern.“

An den Spitzen seiner linken Hand sind dünne helle Linien entstanden. Nicht sichtbar genug, dass andere Leute sie bemerken würden. Reki schaut Dinge oft lange genug an, bis solche Details ihm auffallen.

„Vielleicht spiele ich einfach schlecht.“

„Tust du nicht.“

„Woher willst du das wissen?“

Reki legt seinen Arm wieder hinter den Kopf und sieht wieder an die Decke. „Hab dir zugehört. Vor einigen Wochen in einer Freistunde. Du warst alleine im Musikraum.“

Lio sieht nun auf und schaut zu Reki. „Warum hast du nichts gesagt?“

„Weil du dann aufgehört hättest.“

Lio antwortet nicht, wahrscheinlich hätte er es.

Draußen fliegt ein Ball gegen die Betonwand. Das Geräusch zieht kurz durch den offenen Flur und verschwindet dann wieder.

Reki richtet sich ein Stück auf. „Spielst du mir was vor?“

Lio zieht die Schultern an. „Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich nichts fertig habe.“

„Ist doch egal.“

„Mir aber nicht.“

Reki lässt sich wieder zurückfallen, als hätte ihn die Antwort nicht enttäuscht.

Wahrscheinlich tut sie es trotzdem ein bisschen.


Ein paar Tage später regnet es wieder.

Nicht stark. Nur genug, damit die Luft nach nassem Beton riecht und die Fenster beschlagen, wenn zu viele Leute im Raum sitzen.

Der Kunstclub fällt aus, weil der Lehrer krank ist. Einige gehen trotzdem nicht nach Hause. Irgendjemand hat Karten dabei. Zwei Mädchen sitzen auf dem Boden und lackieren sich gegenseitig die Nägel, obwohl das eigentlich verboten ist.

Lio sitzt am Fenster.

Reki kommt fünf Minuten später rein, die Haare leicht nass.

„Du bist noch hier.“

„Offensichtlich.“

Reki grinst kurz und wirft seine Tasche neben Lios Tisch. „Ich dachte, du wärst schon weg.“

„Es regnet.“

„Seit wann interessiert dich das?“

„Seit heute.“

Reki sagt nichts darauf. Er setzt sich einfach neben ihn.

Für ein paar Minuten reden sie nicht.

Dann zieht Reki seine Kopfhörer aus der Hosentasche und hält Lio einen hin, als wäre seit dem ersten Mal keine Zeit vergangen.

Das Kabel ist inzwischen an zwei Stellen mit Tape umwickelt.

Lio nimmt ihn automatisch. „Du brauchst bald neue.“

„Sie funktionieren noch.“

Lio sagt nichts weiter und steckt den Kopfhörer in sein Ohr.

Die Musik beginnt diesmal sofort.

Keine Gitarre am Anfang. Nur ein dumpfer Bass und ein gleichmäßiger Rhythmus, der klingt wie Schritte auf Asphalt.

„Das hier ist anders als dein sonstiger Kram“, sagt Lio nach einer Weile.

„Kram?“

„Du weißt, was ich meine.“

„Vielleicht entwickle ich mich musikalisch weiter.“

„Das halte ich für unwahrscheinlich.“

Reki stößt ihn mit der Schulter leicht gegen den Arm.

Nicht stark. Gerade genug, dass Lio kurz aus dem Takt des Liedes gerät.

Er schaut zur Seite.

Reki lächelt nicht einmal richtig. Sein Blick bleibt einfach einen Moment zu lange an Lios Gesicht hängen, bevor er wieder nach vorne sieht.

Lio spürt plötzlich den Kopfhörer deutlicher in seinem Ohr.

Das Kabel zwischen ihnen wirkt kürzer als sonst.

Er schaut wieder aus dem Fenster.

Draußen verschwimmt der Schulhof hinter dem Regen.

„Hey“, sagt Reki irgendwann leiser.

„Hm?“

„Welcher Teil gefällt dir diesmal nicht?“

Lio denkt kurz nach.

„Der Text. Denke ich.“

„Der Text ist gut.“

„Er ist zu direkt.“

„Nicht alles muss versteckt oder nur angedeutet sein.“

Lio zieht eine Augenbraue hoch. „Das sagst du?“

„Ich bin extrem offen.“

Lio sieht ihn nur an.

Reki hält seinem Blick ungefähr zwei Sekunden stand, bevor er lachen muss.

„Okay, vielleicht nicht extrem.“

Lio merkt erst zu spät, dass er wieder fast lächelt. Er dreht den Kopf weg, aber diesmal reicht das nicht.

„Da“, sagt Reki sofort.

„Was?“

„Na das.“

„Was denn?“

„Du machst das immer.“

Lio zieht den Kopfhörer ein Stück aus dem Ohr. „Du redest Schwachsinn.“

„Nein. Du versteckst dein Lächeln immer. So als wäre es was Verbotenes.“

„Vielleicht ist es das.“

„Dann bist du echt schlecht im Verbrechen.“

Lio schnaubt leise durch die Nase und steckt sich den Kopfhörer zurück ins Ohr.

Reki sieht ihn an, als hätte er gerade etwas gewonnen.

Das Lied endet.

Aber keiner von beiden zieht den Kopfhörer heraus.

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