
KAPITEL 1 – Der Ton davor
Als Lio bemerkt, dass es draußen regnet, ist er schon eine Weile wach. Das gleichmäßige Geräusch der Tropfen, die in die Regenrinne fallen, hat sich nach und nach in seine Gedanken geschoben.
Er sitzt auf seinem Bett direkt am Fenster, in einer kleinen Studentenwohnung in Setagaya, Tokio. Die Knie leicht angewinkelt, weil der Platz sonst nicht ganz reicht. Seine Gitarre liegt locker auf seinem Oberschenkel. Sie rutscht ihm zwischendurch immer wieder ein Stück nach unten. Er richtet sie nicht sofort, er lässt es einfach zu.
Draußen ist die Stadt grau und unscharf. Autos und Menschen ziehen auf der Straße vorbei, ohne dass sein Blick lange genug irgendwo hängen bleiben kann. Auf der einen Straßenseite wird ein Schirm geöffnet, am Hauseingang gegenüber wird einer geschlossen. Die Wassertropfen laufen die Scheibe hinab, stoßen aneinander, verändern ihre Form und verschwinden aus seinem Sichtfeld.
Lio spielt nicht. Er stellt sich die Frage, ob heute etwas Unvorhersehbares passieren wird. Statt einer Antwort kommt nur weiterer Regen.
Er sagt oft von sich, solche regnerischen Tage zu mögen. Vielleicht stimmt das sogar. Zumindest fragt an solchen Tagen niemand, warum er nichts aus ihnen macht.
Seine Finger liegen auf den kalten Saiten der Gitarre.
In der Wohnung riecht es nach Kaffee. Die Tasse steht noch auf seinem Nachttisch, direkt neben einem Manga, aufgeschlagen auf einer Seite, die ihn vor einigen Tagen noch beschäftigt hat.
Er schlägt eine Saite an. Der Ton ist dünn, fast schon peinlich für jemanden, der schon seit vielen Jahren Gitarre spielt.
Lio schließt die Augen und bildet sich ein, dass die Dunkelheit seine Konzentration steigert.
Er spielt die Akkordfolge, die er seit Jahren kennt und nie zu einem Ende geführt hat. Er hat sie selbst komponiert, für jemanden, der sich an der Melodie aus einem Anime-Intro festgefahren hatte.
In der Mittelschule saßen sie oft zusammen am Fenster, teilten sich Kopfhörer und hörten ihre Lieblingslieder. So, als gäbe es nichts Wichtigeres im Leben.
Er bleibt beim dritten Akkord hängen, wie immer.
Der Regen ist inzwischen stärker geworden. Die Tropfen schlagen heftiger und mit einem unregelmäßigen Rhythmus gegen die Scheibe. Lio beobachtet sie länger als nötig wäre, bevor er auf die Gitarre blickt. Er blickt auf die Saiten, auf seine Finger und dann auf die feinen Kratzer im Holz. Er mag es, dass sie gebraucht aussieht.
Sein Blick wandert durch den kleinen Raum. Umzugskartons stehen an der gegenüberliegenden Wand, sauber aufgetürmt und nach Raum beschriftet. Er legt die Gitarre zur Seite, steht auf und geht ins Bad. Abgesehen von einer Seife, zwei Handtüchern und einer Flasche Vanilleshampoo ist der Raum noch leer.
„Der Zug fährt um 7:18 Uhr von Futako“, denkt sich Lio, während er sich mit nassen Händen durch das Gesicht fährt. Er nimmt sich ein Handtuch vom Haken, drückt es gegen sein Gesicht und schaut kurz in den Spiegel.
Er geht in den Flur, zieht sich eine leichte graue Jacke über, schnappt sich seinen Rucksack, den er sorgfältig am Vorabend gepackt hat, und schlüpft in seine Schuhe. Beim Binden der Schnürsenkel überlegt er, ob er seine Gitarre mitnehmen soll. Er verwirft den Gedanken so schnell wie er gekommen ist und verlässt die Wohnung ohne sie.
Draußen riecht es nach nassem Beton. Nach etwas Frischem und Kaltem zugleich, der besondere Duft von Regen. Er bleibt einen kurzen Moment am Hauseingang stehen und hört den Tropfen aus der Regenrinne zu. Dann geht er los.
Der Weg zur Futako-Tamagawa Station ist ihm vertraut. Vielleicht zu vertraut. Er läuft durch schmale Straßen mit Verkaufsautomaten, vorbei an einem Konbini, der ihn überlegen lässt, ob er hier später einkaufen muss.
Er bleibt kurz stehen und schaut auf sein Handy.
6:59 Uhr.
Er geht weiter, aber einen Schritt schneller als vorher.
Der Bahnhof ist bereits voll. Pendler, Studenten und Schüler vermischen sich zu einem Meer aus Menschen. Lio kennt den Bahnhof und muss nicht lange nach seinem Gleis suchen. Die Bahn kommt fast auf die Sekunde genau in den Bahnhof gefahren. Er steigt als letzter ein und bleibt an der Tür stehen.
„Kaminoge Station“, schallt es nach wenigen Minuten aus den Lautsprechern der Bahn. Lio steigt aus und läuft gedankenverloren den kurzen Weg bis zum Campus. An seinem zweiten Orientierungstag kennt Lio zumindest den Weg zum Campus. Der Regen hat inzwischen nachgelassen, der Asphalt ist aber noch nass. Die Straße vor dem Campus ist voller als erwartet. Überall schallen neue Stimmen auf Lio ein. Vor dem Eingang stehen Orientierungsschilder, Gruppen und Leute, die sich scheinbar sofort finden.
Lio bleibt eher am Rand, versucht, sich die Räume und Ausgänge zu merken, an denen er vorbeiläuft. Auf einer Tafel an der Decke steht groß „Aula“. Er folgt den Markierungen, wird aber mittendrin unterbrochen. „Hey, du“, sagt jemand hinter ihm.
„Sorry. Kannst du mir sagen, wo ich das Sekretariat finde?“
Die Stimme kommt von einer jungen Frau mit braunen Haaren. Sie dürfte im gleichen Alter wie Lio sein. Sie hält einen Laptop und ein Skizzenbuch in den Armen, die sie vor der Brust an sich drückt.
Lio hat sich den Raum gemerkt.
„Direkt am Eingang. Wenn du zurück läufst auf der rechten Seite“, antwortet Lio, ohne sie dabei direkt anzusehen.
„Danke.“
Die Frau dreht sich um und läuft zügig zurück. Lio setzt seinen Weg zur Aula fort, bis er vor einer großen offenen Tür steht.
Der Raum ist zu gut zwei Drittel gefüllt. Es ist laut und stickig. Die Nässe von draußen ist deutlich in der Luft spürbar.
Lio setzt sich im hinteren Bereich auf einen Stuhl am Rand. Nach einigen Minuten kehrt langsam etwas Ruhe ein. Die große Tür wird geschlossen und vorne auf der Bühne erscheint ein älterer Mann hinter einem Podest. Er zieht das Mikrofon etwas an sich heran und beginnt zu sprechen.
„Guten Morgen und willkommen an der Tama Art University.“
Lio hört die nächsten Minuten aktiv zu und macht sich Notizen. Namen, Campusregeln, wichtige Termine, Studienstruktur, Verhalten, Bibliothek, Studierendenausweis und vieles mehr.
Nach etwa einer Stunde werden die Erstsemester gebeten, sich in ihren jeweiligen Studiengängen einzufinden.
„Studierende des Fachbereichs Integrated Design finden sich bitte in Raum 245A ein.“
Durch Lios Sitzwahl ist er einer der ersten, der im Raum seines Studiengangs in der zweiten Etage ankommt. Der Raum ist deutlich kleiner als die große Aula. Wieder setzt er sich etwas abseits in der Nähe des Eingangs und überfliegt seine Notizen, während seine Kommilitonen nach und nach eintreffen.
Lio nimmt vereinzelt Gespräche wahr, was ihn aus seiner Konzentration bringt. Einige scheinen sich schon zu kennen, andere sitzen wie er für sich allein. Erst jetzt bemerkt Lio auch den anderen Duft in der Luft. Die Nässe ist zwar noch da, sie vermischt sich aber nun mit dem Geruch von Papier, Holz und Farbe. Die Tische sind gefüllt mit Broschüren, Infomappen und Listen für Material.
Als letzter kommt ein Mann mittleren Alters in den Raum, der hinter sich die Tür schließt. Sein graues Sakko sieht so aus, als hätte es den Morgen ebenso wenig erwartet, wie die Person, die ihn trägt. Er hat dunkle Haare, die an den Schläfen bereits heller werden und eine Brille, die etwas zu tief auf der Nase sitzt. Lio sieht sich kurz um. Im Raum dürften um die dreißig Leute sein.
„Guten Morgen. Mein Name ist Professor Hasegawa Masaki“, sagt der Mann, während er durch den Raum in Richtung der Tafel läuft.
Er stellt eine Mappe und ein Tablet auf den Schreibtisch und seufzt dabei so leise, dass es fast durch das Rascheln der Jacken untergeht.
„Ich werde Sie in diesem Semester in den Grundlagen der visuellen Komposition begleiten.“
Er sagt es, als wäre dieser Satz etwas, das ihm jemand in den Lehrplan geschrieben hat.
„Bevor wir beginnen, gehe ich kurz die Anwesenheitsliste durch. Bitte einfach melden, damit ich weiß, dass alle da sind. Wenn Sie möchten, stellen Sie sich mit einem kurzen Satz vor.“
„Kitagawa Yuna?“
„Hier.“ Eine junge Frau in der ersten Reihe hebt die Hand, ohne dabei von ihrem Notizbuch aufzusehen. „Kitagawa Yuna. Ich komme aus Yokohama und interessiere mich für Editorial Design und Typografie.“
„Fujimoto Mira?“
„Hier.“ Sie lächelt kurz. Lio erkennt sie wieder. Sie ist die junge Frau, die ihn nach dem Sekretariat gefragt hat. „Fujimoto Mira. Ich zeichne gerne Alltagsszenen und möchte vielleicht in Richtung Buchgestaltung gehen.“
„Aoyama Lio?“
Durch Lio fährt ein kurzes Zucken, bevor er mit „Hier“ antwortet. Erst danach merkt er, dass alle noch auf einen Satz von ihm warten.
„Aoyama Lio“, sagt er leiser. „Ich … komme aus Tokio und zeichne meistens einfache Skizzen. Und Dinge, die nicht ganz fertig sind.“
„Mori Hana?“
„Ja.“ Die Stimme kommt direkt links neben Lio. „Mori Hana. Ich fotografiere gerne und sammle Bilder von Orten, an denen Menschen nur kurz vorbeigehen.“
„Satō Reki?“
Für einen Moment war es nur ein Name. Dann hob jemand mit so auffällig roten Haaren die Hand. So auffällig, dass Lio sich fragt, warum sie ihm nicht vorher aufgefallen sind.
„Hier“, sagt er. „Satō Reki. Ich komme auch aus Tokio. Ich zeichne gerne Figuren … und höre dabei meistens zu laute Musik.“
Die nachfolgenden Namen nimmt Lio nur noch als einzelne Fetzen wahr. Er hält seinen Stift über dem Notizbuch, so als wolle er schreiben. Tut es aber nicht.
Nach der Anwesenheitskontrolle beginnt Hasegawa den Kurs zu erklären.
„Es geht in meinem Kurs nicht darum möglichst schöne Bilder zu malen. Es geht mehr darum, dass Sie verstehen, warum ein Bild funktioniert oder warum es das nicht tut.“
Lio schreibt wieder mit.
Seine Handschrift hat sich aber etwas verändert.
„Damit ich ein Gefühl für Ihren Stil bekomme, möchte ich, dass Sie bis zu unserem nächsten Wiedersehen drei Skizzen mitbringen. Einen Ort, einen Gegenstand und eine Person.“
Lio macht sich schon Gedanken, wie er das in so kurzer Zeit bewerkstelligen soll.
„Keine Sorge. Keine fertigen Arbeiten. Einfache Skizzen von Ihren Beobachtungen reichen vollkommen.“
Lio streicht einen Punkt in seiner Auflistung.
„Auf dem Schreibtisch in der Mitte finden Sie die Materiallisten und eine Infobroschüre, welche Sie durch die erste Woche bringen sollte.“
„Was das Material angeht, beschränken wir uns anfangs auf ein Skizzenbuch, gute Bleistifte, Fineliner, Papier für einfache Skizzen und eine Mappe. Den Rest sollten Sie sich aber dennoch frühzeitig anschaffen.“
Lio steht auf und läuft wie die anderen langsam zum Tisch in der Mitte. Er greift nach der Materialliste, gleichzeitig wie jemand anderes nach einer.
„Sorry. Nach dir“, sagt die Stimme.
Lio muss nicht aufsehen, um zu wissen, zu wem die Stimme gehört.
„Aoyama, oder? Danke nochmal für vorhin.“
Ehe Lio mit Reki ins Gespräch kommt, steht Mira vor ihm.
„Kein Problem. Hab das Schild zufällig beim Reinkommen gesehen.“
„Und ich dachte schon, du wärst bereits an der Uni.“
„Nein“, antwortet Lio.
„Ach ja, mein Name ist Fujimoto Mira“, sagt sie und neigt kurz den Kopf.
„Aoyama Lio“, sagt er und neigt ebenfalls leicht den Kopf.
„Aoyama wie blau und Berg?“
Lio nickt.
„Und Lio?“
„Katakana“, sagt er. „Meine Mutter mochte den Klang.“
„Dann bis später“, sagt Mira und geht zurück zu ihrem Platz.
Reki ist inzwischen nicht mehr am Tisch. Lio geht ebenfalls zurück und blättert ein wenig in der Broschüre, bevor er wieder die Stimme vor sich hört.
„Lio?“
Lio schaut auf. Reki steht direkt vor ihm. Älter, größer, anders, aber immer noch Reki. Die auffälligen roten Haare, die Stimme, die Körperhaltung. Alles noch wie früher.
„Du studierst hier?“, fragt Reki.
Lio nickt, obwohl die Antwort mehr als offensichtlich ist.
„Sieht so aus.“
Reki lächelt kurz. Es ist nicht dasselbe Lächeln wie früher, oder vielleicht ist es das doch.
„Krass“, sagt er.
„Ja.“
„Packen Sie bitte Ihre Sachen ein. Das hier neben mir ist Nakamura Daichi. Er ist im fünften Semester und wird Ihnen nun die wichtigsten Räume zeigen“, sagt Hasegawa in einem etwas bestimmteren Ton als zuvor.
Neben ihm steht ein Student mit Klemmbrett in der Hand. Sein Lächeln wirkt aufgesetzt. Irgendwie so, als hätte er diese Führung heute schon mindestens dreimal hinter sich gebracht.
„Ich bin Nakamura Daichi und werde Sie heute etwas herumführen. Sollten Sie verloren gehen, ist das zwar peinlich, aber am ersten Tag noch verzeihlich.“
Seine Stimme passt nicht so ganz zu den Worten, die er spricht. Sie hört sich warm und freundlich an.
„Folgen Sie mir bitte.“
Im Raum stehen fast alle gleichzeitig auf und Schultern ihre Taschen oder Rucksäcke. Lio behält sein Notizbuch in der Hand und folgt der Gruppe durch den Flur.
Einige Meter vor ihm läuft Reki zwischen all den anderen durch den Flur. Er blickt auf die bekannten roten Haare. Zwischen all den fremden Schultern sehen sie nicht fremd aus. Das stört Lio mehr, als es sollte.
Sein Blick wandert an Rekis Hand, die den Riemen seiner Tasche umschließt. Dann blickt er auf seine eigenen Hände.
Der dritte Akkord ist wieder in seinen Fingern zu spüren.

