Der Sommer danach kommt zu schnell.
Nicht plötzlich. Eher schleichend, wie Hitze, die erst auffällt, wenn sie schon überall ist.
Die Fenster im Musikraum stehen offen, aber die Luft bewegt sich trotzdem kaum. Irgendwo draußen summt eine Zikade gegen die Betonwand des Schulhofs. Jemand spielt im Raum gegenüber Tonleitern auf dem Klavier und bleibt jedes Mal an derselben Stelle hängen.
Lio sitzt auf einem der hinteren Tische und dreht sein Plektrum zwischen den Fingern.
Reki liegt auf zwei halb zusammengeschobenen Stühlen und sieht zur Decke.
„Du spielst in letzter Zeit öfter Gitarre“, sagt er.
Lio schaut nicht auf. „Tu ich das?“
Reki legt seinen Arm über die Augen. „Mhm.“
„Woher weißt du das?“
„Man siehts an deinen Fingern.“
An den Spitzen seiner linken Hand sind dünne helle Linien entstanden. Nicht sichtbar genug, dass andere Leute sie bemerken würden. Reki schaut Dinge oft lange genug an, bis solche Details ihm auffallen.
„Vielleicht spiele ich einfach schlecht.“
„Tust du nicht.“
„Woher willst du das wissen?“
Reki legt seinen Arm wieder hinter den Kopf und sieht wieder an die Decke. „Hab dir zugehört. Vor einigen Wochen in einer Freistunde. Du warst alleine im Musikraum.“
Lio sieht nun auf und schaut zu Reki. „Warum hast du nichts gesagt?“
„Weil du dann aufgehört hättest.“
Lio antwortet nicht, wahrscheinlich hätte er es.
Draußen fliegt ein Ball gegen die Betonwand. Das Geräusch zieht kurz durch den offenen Flur und verschwindet dann wieder.
Reki richtet sich ein Stück auf. „Spielst du mir was vor?“
Lio zieht die Schultern an. „Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil ich nichts fertig habe.“
„Ist doch egal.“
„Mir aber nicht.“
Reki lässt sich wieder zurückfallen, als hätte ihn die Antwort nicht enttäuscht.
Wahrscheinlich tut sie es trotzdem ein bisschen.
Ein paar Tage später regnet es wieder.
Nicht stark. Nur genug, damit die Luft nach nassem Beton riecht und die Fenster beschlagen, wenn zu viele Leute im Raum sitzen.
Der Kunstclub fällt aus, weil der Lehrer krank ist. Einige gehen trotzdem nicht nach Hause. Irgendjemand hat Karten dabei. Zwei Mädchen sitzen auf dem Boden und lackieren sich gegenseitig die Nägel, obwohl das eigentlich verboten ist.
Lio sitzt am Fenster.
Reki kommt fünf Minuten später rein, die Haare leicht nass.
„Du bist noch hier.“
„Offensichtlich.“
Reki grinst kurz und wirft seine Tasche neben Lios Tisch. „Ich dachte du wärst schon weg.“
„Es regnet.“
„Seit wann interessiert dich das?“
„Seit heute.“
Reki sagt nichts darauf. Er setzt sich einfach neben ihn.
Für ein paar Minuten reden sie nicht.
Dann zieht Reki seine Kopfhörer aus der Hosentasche und hält Lio einen hin, als wäre seit dem ersten Mal keine Zeit vergangen.
Das Kabel ist inzwischen an zwei Stellen mit Tape umwickelt.
Lio nimmt ihn automatisch. „Du brauchst bald neue.“
„Sie funktionieren noch.“
Lio sagt nichts weiter und steckt den Kopfhörer in sein Ohr.
Die Musik beginnt diesmal sofort.
Keine Gitarre am Anfang. Nur ein dumpfer Bass und ein gleichmäßiger Rhythmus, der klingt wie Schritte auf Asphalt.
„Das hier ist anders als dein sonstiger Kram“, sagt Lio nach einer Weile.
„Kram?“
„Du weißt, was ich meine.“
„Vielleicht entwickle ich mich musikalisch weiter.“
„Das halte ich für unwahrscheinlich.“
Reki stößt ihn mit der Schulter leicht gegen den Arm.
Nicht stark. Gerade genug, dass Lio kurz aus dem Takt des Liedes gerät.
Er schaut zur Seite.
Reki lächelt nicht einmal richtig. Sein Blick bleibt einfach einen Moment zu lange an Lios Gesicht hängen, bevor er wieder nach vorne sieht.
Lio spürt plötzlich den Kopfhörer deutlicher in seinem Ohr.
Das Kabel zwischen ihnen wirkt kürzer als sonst.
Er schaut wieder aus dem Fenster.
Draußen verschwimmt der Schulhof hinter dem Regen.
„Hey“, sagt Reki irgendwann leiser.
„Hm?“
„Welcher Teil gefällt dir diesmal nicht?“
Lio denkt kurz nach.
„Der Text. Denke ich.“
„Der Text ist gut.“
„Er ist zu direkt.“
„Nicht alles muss versteckt oder nur angedeutet sein.“
Lio zieht eine Augenbraue hoch. „Das sagst du?“
„Ich bin extrem offen.“
Lio sieht ihn nur an.
Reki hält seinem Blick ungefähr zwei Sekunden stand, bevor er lachen muss.
„Okay, vielleicht nicht extrem.“
Lio merkt erst zu spät, dass er wieder fast lächelt. Er dreht den Kopf weg, aber diesmal reicht das nicht.
„Da“, sagt Reki sofort.
„Was?“
„Na das.“
„Was denn?“
„Du machst das immer.“
Lio zieht den Kopfhörer ein Stück aus dem Ohr. „Du redest Schwachsinn.“
„Nein. Du versteckst dein Lächeln immer. So als wäre es was verbotenes.“
„Vielleicht ist es das.“
„Dann bist du echt schlecht im Verbrechen.“
Lio schnaubt leise durch die Nase und steckt sich den Kopfhörer zurück ins Ohr.
Reki sieht ihn an, als hätte er gerade etwas gewonnen.
Das Lied endet.